→ Download PDF

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Lesebiografie ist eine interessante Reflexion über ein Thema, das lange Zeit keine zentrale Rolle in meinem Leben spielte, aber im Hinblick auf meine eigenen Kinder zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Recherche und Reflexion meiner Kindheit und meines Leseverhaltens haben mir interessante Erkenntnisse gebracht und Erinnerungen zurückgebracht, die ich schon lange vergessen hatte. Ich habe die ersten sechs Jahre meines Lebens in der DDR verbracht, was zur Folge hatte, dass zum Beispiel mein Vater nicht so präsent sein konnte, wie er wollte. Er wurde beispielsweise zum Wehrdienst in die NVA eingezogen und hatte später auch immer Jobs, bei denen er leider oft eine oder zwei Wochen am Stück nicht zu Hause sein konnte. Entsprechend fehlte er natürlich als Bezugsperson bzw. als Einfluss auf mich und mein Leseverhalten. Außerdem war die Vielfalt an Büchern eher durchwachsen. Es gab zwar einen recht guten Zugang zu Literatur, diese war allerdings stark staatlich kontrolliert und es gab oft unüberwindbare Hürden, um an bestimmte Bücher zu gelangen. Oder man musste sich unangenehme Fragen gefallen lassen, wenn man Bücher kaufen oder ausleihen wollte, die nicht hundertprozentig konform mit den Staatsnormen waren. Nichtsdestotrotz war Lesen in der DDR sehr beliebt und weit verbreitet. Ich kann mich, zumindest bezüglich Kinderlektüre, nicht an einen Mangel erinnern. Meine Eltern sehen das sicher anders. Insgesamt ist meine Lesesozialisation von unterschiedlichen Phasen geprägt, mit intensiver Leseaktivität und teilweise kompletter Distanz zum Lesen.

Chronologischer Überblick

Frühe Leseerfahrungen

Meine Beziehung zum Lesen begann sehr früh. Meine Mutter hat mir fast jeden Abend vorgelesen. Wir haben diverse Bücher gelesen, auch Liederbücher, und dazu gesungen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte ich die Lieder nur durch das Betrachten des dazugehörigen Bildes erkennen und singen. Dasselbe konnte ich auch bei meinen eigenen Kindern beobachten. Aus meiner Kindheit ist mir besonders die Buchreihe „Der Zauberer der Smaragdenstadt” von Alexander Melentjewitsch Wolkow in Erinnerung geblieben, eine Reihe von Büchern, von denen der erste Band eine Nacherzählung von „Der Zauberer von Oz“ ist. Die Geschichte war sehr fantasievoll und generell in der DDR eine sehr beliebte Buchreihe. Auch wenn das erste Buch dem amerikanischen Original sehr stark ähnelte, wurde die Geschichte in den folgenden Bänden mit eigenen Ideen weiterentwickelt und schuf damit ihre eigene Märchenwelt. Das hat mich damals sehr gefesselt, und wir haben die Buchreihe mehr als einmal gelesen. Weitere prägende Einflüsse, die mir in Erinnerung geblieben sind, waren Klassiker wie „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann. Diese Geschichten sind retrospektiv betrachtet eigentlich ziemlich makaber und natürlich ein Produkt ihrer Zeit. Als Kind haben mich die sehr grafischen Illustrationen beeindruckt, ebenso die Geschichten dahinter, die ich irgendwann auch auswendig kannte. Aber vor allem die Bilder waren ein Grund, immer wieder zum Buch zurückzukehren. Und natürlich „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. Vor allem die Geschichte von Max und Moritz hat mich lange begleitet. Ich erinnere mich, wie sehr ich mit den Opfern der Streiche Mitgefühl habe und ein Gefühl von Gerechtigkeit empfand, als die beiden am Ende ihre Strafe erhielten. Meine ersten Erfahrungen mit Comics habe ich mit „Lolek und Bolek” von Leszek Lorek, Alfred Ledwig und Władysław Nehrebecki gemacht. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, wie sehr mich die Bilder beeindruckt haben. Vor allem die Ausgabe über die Wüste Gobi, in der Lolek und Bolek eine Dinosaurierei finden und daraus ein echter Dino schlüpft, hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich habe diverse Ausgaben aus der Reihe besessen und unzählige Male „gelesen“. Soweit ich mich erinnere, konnte ich bereits vor der Einschulung lesen, was ich auch gerne getan hab. Als Kind war Lesen also sehr wichtig für mich. Allerdings gibt es hierzu keine weiteren Details darüber, welche Bücher und wie viel ich wirklich gelesen habe. Die Erinnerung meiner Eltern ist sehr schwammig und meine eigene ebenso. Ungefähr bis zur ersten Klasse hat meine Mutter mir aber weiterhin regelmäßig vorgelesen. Dann ist eine Veränderung eingetreten, sodass ich nicht mehr vorgelesen haben wollte und auch selbst kaum gelesen habe. Ich wurde kurz vor der Wiedervereinigung eingeschult und habe, soweit ich mich erinnern kann, kurz nach der Wiedervereinigung meinen ersten Computer, einen Commodore 64, bekommen. Das könnte den Interessenwandel bezüglich Büchern und Lesen erklären. Seitdem ist Lesen bei mir, mit wenigen Ausnahmen, vorwiegend mit der Informationsaufnahme verknüpft.

Schulzeit und darüber hinaus

Während meiner Schulzeit entwickelte ich ein großes Interesse an Sachbüchern, insbesondere zu wissenschaftlichen Themen wie Paläontologie und Weltraumforschung. Dinosaurier spielten über einen langen Zeitraum eine zentrale Rolle in meinem Leben, und ich besaß diverse Sachbücher zu diesem Thema, die ich schlussendlich nahezu auswendig kannte. In dieser Zeit habe ich auch mit großem Interesse Zeitschriften wie zum Beispiel „Projekt X – Abenteuer in der Welt der Wissenschaft“ gelesen, die in jeder Ausgabe verschiedene populärwissenschaftliche Themen behandelten und einen Ausblick darauf boten, wie die Zukunft aussehen könnte. Ich hatte ein Abonnement und habe mich immer sehr auf jede neue Ausgabe gefreut. Auch meine Leidenschaft für Comics ist nie eingeschlafen. Ich habe sehr gerne und regelmäßig die „Micky Maus“, „Das lustige Taschenbuch“ und diverse andere Kinderzeitschriften gekauft und „gelesen“. Mit zunehmendem Alter kaufte ich mir gelegentlich die „Bravo“, fand jedoch kaum Zugang dazu, da ich insgesamt wenig Interesse an prominenten Persönlichkeiten hatte und sich mein Musikgeschmack erst relativ spät entwickelte. Mit dem Durchbruch des Internets rückte das traditionelle Lesen von Geschichten immer weiter in den Hintergrund, vermutlich weil mein Interesse an Technik sehr schnell wuchs. Ich habe meine Zeit lieber in IT-Kompetenzen investiert. Natürlich war Lesen in diesem Bereich auch wichtig. Ich war in entsprechenden Communities unterwegs, habe mich privat und, soweit möglich, online mit Gleichgesinnten ausgetauscht und habe mich auch mit Fach- und Sekundärliteratur zu IT-Themen und Computerspielen auseinandergesetzt. Allerdings zeichnete sich bereits früh ein Wechsel zu Multimedia ab, dem ich mich nicht entziehen konnte. In der Oberstufe habe ich dann die „Harry Potter“-Bücher entdeckt, die ich, wie viele meiner Generation, begeistert gelesen habe. Dies führte immer wieder zu intensiven Lesephasen, insbesondere wenn ein neuer Band erschien. Gerne habe ich auch ältere Bände noch einmal gelesen, um meine Erinnerung aufzufrischen. Später gab es dann auch noch andere Buchreihen, die mich erneut für das Lesen begeistern konnten. So haben mich die „Wallander“-Romane von Henning Mankell und „Die Tribute von Panem“ sehr begeistert. Auch „His Dark Materials“ von Philip Pullman („Der goldene Kompass“) und die „Zamonien“-Romane von Walter Moers, besonders „Die Stadt der träumenden Bücher“, haben mich nachhaltig beeindruckt.

Besondere Leseerlebnisse

„Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers ist sehr zentral in meiner aktuellen Haltung zum Lesen. Der kreative Schreibstil und die grenzenlose Fantasie des Autors haben mein Interesse am Lesen wieder etwas angefeuert. Die Leidenschaft für Moers teile ich bis heute mit einem meiner besten Freunde. Wir tauschen uns regelmäßig über Neuerscheinungen aus (auch wenn diese oft lange auf sich warten lassen) und versorgen uns aber auch mit Sekundärliteratur und anderen Medien wie Podcasts zu dem Thema. Neben „Die Stadt der träumenden Bücher“ ist „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ eine Geschichte von Moers, zu der ich regelmäßig zurückkehre. Anfangs war ich unsicher, ob ein Buch über Käpt’n Blaubär, den ich nur aus dem Fernsehen kannte, die Zeit überhaupt wert ist. Doch sobald man das Buch liest, wird schnell klar, dass es wenig mit der Fernsehfigur zu tun hat, sondern tief im Zamonien-Universum von Moers verwurzelt ist. Es ist eine unglaublich bunte und spannende Reise. „Der Schwarm“ von Frank Schätzing ist ebenfalls eine Geschichte, die mich stärker gefesselt hat als erwartet. Vermutlich ist es die Kombination aus realen Problemen wie Klimawandel und Umweltschutz mit Science-Fiction, die äußerst bodenständig und glaubwürdig ist, die mich besonders angezogen hat. Dass das Buch gerade im Jahr 2004, im Zuge einer der verheerendsten Tsunami-Katastrophen der modernen Geschichte, veröffentlicht wurde, hat sicherlich ebenfalls zu seiner Wirkung beigetragen. Es gibt sicher noch ein paar andere Bücher, die ich in regelmäßigen Abständen erneut lese. Es ist erstaunlich, wie viel man über die Zeit vergisst, und manchmal fühlt es sich an, als würde man das Buch zum ersten Mal lesen. Mein Vater, der zumindest in meiner Erinnerung selbst kaum Romane gelesen hat, hat mich irgendwann mit den „Werner“-Comics von Brösel bekannt gemacht, die mich nachhaltig prägten und sicher auch einen Einfluss auf mein Verhältnis zu Comics hatten. Hier hatten natürlich auch die Filme ihren Einfluss, aber die Comics waren immer verfügbar und ich habe sie sehr gerne immer wieder angeschaut.

Einordnung nach Hurrelmann

In meiner frühen Kindheit waren Bücher noch ein fester Bestandteil meines Alltags. Meine Mutter hat mir regelmäßig vorgelesen und wir haben zusammen gesungen. Das entspricht der Gruppe der »erwarteten Leser«, in der das Lesen in die Familieninteraktion integriert ist und die Eltern die Lesevorlieben ihrer Kinder kennen. Durch die häufige Abwesenheit meines Vaters fehlte er als Lesepartner, aber meine Mutter hat alles getan, diese Lücke zu füllen. Allerdings hat sich trotzdem ab circa der ersten Klasse etwas verändert. Ich wollte nicht mehr vorgelesen bekommen und las auch selbst weniger. Mein Interesse verlagerte sich auf den Computerbereich. Hier zeigt sich eine Parallele zu den »unerwarteten Wenig-Lesern«, bei denen das Lesen trotz guter Startbedingungen an Bedeutung verliert. In meiner Schulzeit habe ich hauptsächlich Sachbücher und Zeitschriften gelesen. Das Lesen diente mehr der Informationsaufnahme als der Unterhaltung. Erst später, durch Bücher wie Harry Potter oder die Zamonien-Romane von Walter Moers, habe ich die Freude am Lesen von Geschichten wiederentdeckt. Dies ähnelt den »unerwarteten Lesern«, bei denen äußere Einflüsse das Leseinteresse wecken. Insgesamt zeigt dies, wie wichtig frühe Leseerfahrungen sind und wie äußere Faktoren und persönliche Interessen die Lesemotivation beeinflussen können.

Ausblick

Wie schon in der Einleitung erwähnt, möchte ich im Hinblick auf meine Kinder mein Leseverhalten weiter ändern. Ich arbeite aktiv daran, was sich durch das regelmäßige Vorlesen für meine Kinder äußert, und auch daran, dass ich bereits begonnen habe, meine Leidenschaft für beispielsweise Harry Potter und Walter Moers mit meinem Sohn zu teilen. Er hat diese Impulse sehr positiv aufgenommen. Ich hoffe, dass meine beiden anderen Kinder in dieser Hinsicht ebenso interessiert sein werden, sobald sie alt genug sind.

Quellenverzeichnis

Hurrelmann, B.; Hammer, M.; Nieß, F. (1993). Lesesozialisation Band 1. Leseklima in der Familie. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung
Covergrafik: Dall-E, OpenAI, https://openai.com/index/dall-e-3/