1. Schritt: Beobachtung

Wir haben Telefone aus Pappe gebastelt, Peters (Name geändert) Verhalten hat sehr stark variiert, war teilweise ambivalent. Er hat mehrmals deutlich gesagt, dass er ein Handy basteln will, hat dann aber immer wieder schnell resigniert und deutlich gesagt, dass er keine Lust mehr hat. Er hat immer mit einer Aufgabe begonnen, z.B. mit dem zuschneiden der Pappe, bekleben mit Papier oder bemalen mit den typischen Elementen und Symbolen eines Telefons, hat dann aber immer schnell gesagt “Ich kann das nicht” und dann erneut abgebrochen. Nur mit viel Hilfe von mir, hat er sein Telefon am Ende fertiggestellt. Er hat nie komplett hingeworfen und sich einer anderen Aktivität gewidmet, sondern ist immer direkt zu mir gekommen und hat mich gebeten für ihn zu basteln und zu malen.

2. Schritt: Eigene Gedanken/GefĂĽhle beim Beobachten:

Peter wirkte schnell frustriert und sehr ungeduldig, trotzdem hatte ich das Gefühl, er wollte die Aufgabe gerne zu Ende bringen. Er wirkte eingeschüchtert vom Bastelerfolg der anderen Kinder. Ich war ein wenig ratlos wie ich mit der Situation am besten umgehen soll, da Peter sehr viel von meiner Aufmerksamkeit beansprucht hat die dann wiederrum für die anderen Kinder gefehlt hat. Das hat mich latent gestresst, aber ich hab trotzdem versucht, ihm zu helfen sich selbst zu helfen und dabei weiter für die anderen Kinder da zu sein. Ich fand sein Verhalten im Gegensatz zu den anderen, gleichaltrigen Kindern sehr auffällig und habe das auch später mit den Kollegen besprochen.

3. Schritt: Deutung und Bewertung der Beobachtung – Welche Bedürfnisse werden deutlich? (Verwendet hierzu bitte den „Reflexionsbogen Wahrnehmendes Beobachten“ als Orientierungsrahmen!)

1. – Die Situation und Ich

1.1 – Was machte mich auf die Situation aufmerksam?

Wir haben in der Gruppe mit mehreren Kindern zusammen gebastelt, alle Kinder haben relativ selbständig gebastelt, Peter ist als einziger immer wieder zu mir gekommen und wollte, dass ich ihm bei jedem Schritt helfe.

1.2 – Wie wirkte das Beobachtete auf mich?

Es wirkte im Kontrast zu den anderen Kindern leicht auffällig. Ich bin mit keinem meiner Angebote bei Peter weitergekommen und er hat sich meiner Meinung nach auch recht ambivalent verhalten. Auf der einen Seite hat er immer wieder deutlich gesagt „Ich kann das nicht“. Hat aber nie ganz das Handtuch geworfen, sondern immer wieder um Hilfe gebeten.

2. – Das Kind in der Situation

Anfangsvermutung: Worum könnte es dem Kind gehen? Was könnte in der Situation für das Kind wichtig sein?

Indem er immer wieder meine Nähe und Unterstützung gesucht hat, anstatt die Aufgabe aufzugeben, vermute ich, dass er nach Nähe und Bestätigung gesucht hat. Das ist für ihn wichtig, um Vertrauen in seine Fähigkeiten zu entwickeln und sich gesehen zu fühlen. Dass Peter schnell sagt „Ich kann das nicht“, könnte darauf hindeuten, dass er Angst vorm Scheitern hat oder zu hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Er könnte Angst haben, dass er nicht das Ergebnis erzielt, das er sich vorstellt, was zu Frustration führt.

2.1 – Welche Wahrnehmungen macht das Kind? Welche seiner Wahrnehmungen ist für das Kind in der Situation relevant? Was sieht das Kind? Was hört das Kind? Welche Gefühle werden deutlich Er hat gemerkt, dass die Aufgabe für ihn herausfordernd war und dass er Schwierigkeiten hatte, sie alleine zu bewältigen?

Er hat gesehen wie die anderen Kinder basteln und deren Ergebnisse. Das fertig gebastelte Handy war fĂĽr ihn wichtig und hat ihn motiviert trotzdem weiterzumachen.

2.2 – Welches Können / welche Vorerfahrungen werden erkennbar? Werden sie erweitert?

Peter hat grundlegende feinmotorische Fähigkeiten um die Aufgabe zu bewältigen. Er hat vermutlich bereits Erfahrung im Basteln. Peter kennt auch die typischen Elemente eines Telefons. Seine Aussage „Ich kann das nicht“ zeigt, dass er seine eigenen Fähigkeiten einschätzt. Vermutlich hat er bereits Situationen erlebt, in denen er Aufgaben nicht bewältigen konnte. Peter bittet um Hilfe anstatt die Aufgabe vollständig aufzugeben. Er hat gelernt, dass er Unterstützung erhält, wenn er danach fragt.

2.3 – Werden innere Bilder, Geschichten, Erkenntnisse oder Theorien vom Kind zum Ausdruck gebracht? Wenn ja, auf welche Weise (beispielsweise durch den Körper, Mimik / Gestik, Laute / Worte)?

Peter hat wiederholt geäußert “Ich kann das nicht”. Das zeigt wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das könnte daran liegen, dass er bereits schlechte Erfahrungen im Basteln gemacht hat oder ein hohes Maß an Ungeduld aufweist und deswegen nicht schnell genug zu einem Ergebnis kommt.

2.4 – Wie stark lässt sich das Kind auf seine Tätigkeit ein? Woran werden Aufmerksamkeit und Engagement erkennbar?

Im Grunde garnicht, er hat trotz vielfältiger Angebote und dem herunter brechen der Aufgabe in kleinere, einfacher zu bewältigende Teilaufgaben, keine Motivation gezeigt die Aufgabe selbstständig zu bewältigen.

2.5 – Auf welche Weise nimmt das Kind Beziehungen zu anderen Kindern, zu Erwachsenen, zu Dingen auf?

In dieser Situation bezog er sich vornehmlich auf mich als Betreuungsperson. Er wusste, dass er vermutlich Hilfe bekommt wenn er danach fragt. Zu anderen Kindern hat er keine direkte Beziehung aufgebaut. Er hat höchstens beobachtet wie die anderen Kinder ihre Papphandys basteln, was ihn möglicherweise unter Druck gesetzt hat bzw. Begehrlichkeiten geweckt hat, auch ein fertiges Papphandy zu besitzen um im Nachgang mit den anderen spielen zu können.

2.6 – Welche Materialien oder Werkzeuge benutzt das Kind? Wie oder wozu? Lassen Materialien und Raumgestaltung vielfältige und differenzierte Wahrnehmungsmöglichkeiten zu?

Peter benutzte verschiedene Materialien und Werkzeuge. Z. B. Pappe die er in die Form eines Handys schneidet. Kleber um weißes Papier auf die dunkle Pappe zu kleben. Mit Stiften haben wir am Ende die typischen Symbole und Elemente eines Handys aufgemalt, wie Tasten, Bildschirm und eine Kamera. So konnte man sehen, was er über Handys weiß. Basteln fördert generell die Geschicklichkeit und die Hand-Augen-Koordination.

Endvermutung: Kann ich der Beobachtung einen Titel geben? Veränderten sich meine anfänglichen Vermutungen?

Im Grunde bestätigt sich meine Anfangsvermutung. Peters Verhalten ist für sein Alter eigentlich typisch, aber meiner Meinung nach auch leicht auffällig: Mit 5 beginnen Kinder, ein stärkeres Bewusstsein für ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Peters wiederholte Aussage „Ich kann das nicht“ deutet auf ein geringes Selbstvertrauen hin. Er erkennt die Anforderungen der Aufgabe, zweifelt jedoch an seiner Kompetenz, sie erfolgreich zu Ende zu bringen. Das schnelle Aufgeben des Bastelns bei jeder kleinen Schwierigkeit zeigt auch eine niedrige Frustrationstoleranz. Peter erlebt Fehlschläge vermutlich intensiver und benötigt mehr Unterstützung, um diese Gefühle zu verarbeiten. Mit der dauernden Bitte um Hilfe, drückt Peter sein Bedürfnis nach Nähe, Sicherheit und Bestätigung aus. Das ist in diesem Alter normal, Kinder sind noch sehr auf die Rückmeldung von Erwachsenen angewiesen. Allerdings hat er keine der Angebote angenommen die ihm unterbreitet wurden, z. B. habe ich versucht das Basteln in kleine, einfachere Unteraufgaben aufzubrechen. Leider Erfolglos. Obwohl er wiederholt aufgeben wollte, ist er beharrlich geblieben und wollte die Aufgabe zu Ende bringen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass jemand anderes, in dem Falle ich, ihm die Arbeit komplett abnimmt.

Reflexion im Austausch mit deiner Anleitung oder Kolleg:in:

Halte deine Reflexion schriftlich fest und tausche dich mit deiner Anleitung oder Kolleg:in darĂĽber aus:

In wie fern siehst du das Kind/den Klienten möglicherweise in einem neuen Licht?

Ich hatte Peter anfänglich als sehr unauffällig und entspannt wahrgenommen. Habe aber schnell gemerkt, dass er mit sich selbst und seinen Fähigkeiten zu kämpfen hat und sehr fordernd und stoisch sein kann wenn die Situation sich anders entwickelt als er es sich vorgestellt hat.

Was würde deine Anleitung oder Kolleg:in noch ergänzen? Ergänze die Ideen?

Im Austausch mit zwei Erzieherinnen wurde mir mitgeteilt, dass das Verhalten von Peter bereits bekannt ist und auch in anderen Aspekten des Kitaalltags oft auftritt. Er hat eine konkrete Vorstellung von etwas das er haben oder machen möchte, hat aber kein Interesse am Prozess, sondern nur am Ergebnis. Er hat auch oft Probleme mit dem Verständnis für soziale Regeln und Normen, kann sich nicht so gut in andere Hineinversetzen und hat Probleme Konflikte gewaltfrei zu lösen. Wenn er etwas haben möchte, nimmt er es sich einfach, auch wenn es gerade von einem anderen Kind benutzt wird und provoziert so Konflikte. Er möchte gerne ein Anführer sein, ist aber nicht bereit Kompromisse einzugehen wenn andere Kinder seinen Plänen und Vorschlägen nicht folgen wollen.

3. SchlĂĽsse und Anregungen fĂĽr die Praxis

3.1 – Ergeben sich Schlüsse für das Aufgreifen, Unterstützen oder Herausfordern von Bildungs- und Entwicklungsprozessen?

  • Peter braucht positive RĂĽckmeldung um sein Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten zu stärken.
  • Anstatt ihm jeden Schritt abzunehmen, sollte man weiter versuchen die Aufgaben in möglichst kleinere, leichter zu bewältigende Schritte aufzuteilen.
  • Anstatt ihm alles zu immer gleich “den richtigen Weg” vorzugeben, sollte man ihn mit gezielten Fragestellungen dazu bringen selber Lösungswege zu finden.
  • Peter braucht neue Strategien um besser mit seinen GefĂĽhlen umgehen zu können.

3.2 – Ergeben sich Schlüsse für die Raumgestaltung, Werkzeuge und Materialien?

  • Die Kita ist grundsätzlich gut ausgestattet und braucht hier keine weiteren MaĂźnahmen.